Zum Hauptinhalt springen

Hintergrund und Geschichte

Die Folgen von Folter, Krieg und Verfolgung enden nicht mit dem Ende der unmittelbaren Gewalt – und auch nicht mit der Ankunft in einem vermeintlich sicheren Land. Ob Menschen Schutz und Anerkennung erfahren oder erneut Unsicherheit und Ausgrenzung erleben, beeinflusst wesentlich, ob Stabilisierung und Verarbeitung möglich werden.

Der Psychiater, Psychoanalytiker und Schriftsteller Hans Keilson, selbst Überlebender der Shoah, prägte dafür das Konzept der sequenziellen Traumatisierung. Es beschreibt traumatische Erfahrungen nicht als einzelnes, abgeschlossenes Ereignis, sondern als Abfolge unterschiedlicher Situationen: Gewalt und Verfolgung im Herkunftsland, Gefahren und Verluste während der Flucht sowie die Lebensbedingungen nach der Ankunft.

Fluchttrauma würde deshalb zu kurz greifen. Auch ein unsicherer Aufenthaltsstatus, das Leben in Sammelunterkünften, familiäre Trennung, Armut, Ausgrenzungserfahrungen oder ein fehlender Zugang zu Gesundheitsversorgung können seelische Belastungen verstärken. Psychosoziale Unterstützung muss daher nicht nur das Erlebte, sondern auch die gegenwärtigen Lebensbedingungen berücksichtigen.

Aus diesem Verständnis heraus entstanden die Psychosozialen Zentren. Das erste Zentrum in Deutschland wurde 1979 in Frankfurt am Main von chilenischen Exilpsycholog*innen gegründet, die Menschen unterstützen, die selbst Folter, Haft und politische Verfolgung unter den Militärdiktaturen des Cono Sur überlebt hatten. Die Anfänge der Zentren liegen damit im Exil, in der internationalen Solidaritäts- und Menschenrechtsarbeit und im Wissen von Überlebenden selbst.

In den folgenden Jahrzehnten entstanden in ganz Deutschland weitere Zentren. Gegründet und getragen wurden sie von Menschen vor Ort, die angesichts neuer Fluchtbewegungen – infolge der Balkankriege ebenso wie der Kriege und Krisen etwa in Tschetschenien, Afghanistan und im Irak – die bestehenden Versorgungslücken nicht hinnehmen wollten. Sie begegneten ihnen mit einem besonderen Ansatz: der engen Verbindung von psychosozialer und therapeutischer Versorgung mit Menschenrechtsarbeit und dem Eintreten für die Rechte Geflüchteter.

Sie verbinden bis heute psychotherapeutische, psychosoziale, medizinische und soziale Unterstützung. 1996 gründeten sie die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF), um ihre Erfahrungen zu bündeln, Qualitätsstandards zu entwickeln und die Interessen der Zentren und ihrer Klient*innen politisch zu vertreten.

Seit 2026 heißt der Verband Bundesverband Psychosozialer Zentren – Versorgung nach Folter, Krieg und Flucht e. V. Heute sind darin mehr als 50 Psychosoziale Zentren und Initiativen zusammengeschlossen. Gemeinsam stehen sie für eine Versorgung, die individuelles Leiden und gesellschaftliche Verantwortung zusammendenkt – und für die Überzeugung, dass psychosoziale Unterstützung ein Menschenrecht ist.

Die Geschichte der Psychosozialen Zentren ist damit auch eine Geschichte praktischer Menschenrechtsarbeit. Sie zeigt: Ob sich die Folgen von Gewalt verfestigen, hängt nicht nur von dem ab, was Menschen vor und während ihrer Flucht erlebt haben. Es hängt ebenso davon ab, wie ihnen die aufnehmende Gesellschaft begegnet. Psychosoziale Versorgung kann die erlittene Gewalt nicht ungeschehen machen. Sie kann aber dazu beitragen, ihre Fortsetzung durch Unsicherheit, Ausgrenzung und verweigerte Rechte zu unterbrechen.