Flucht und Trauma
Die Gründe, warum Menschen Schutz in Deutschland suchen, sind vielfältig. Häufig sind sie mit Erfahrungen von Krieg, Verfolgung, Gewalt, Folter, Verlust und existenzieller Unsicherheit verbunden. Für viele Menschen enden Belastungen jedoch nicht mit dem Verlassen des Herkunftslandes. Auch die Bedingungen während der Flucht und nach der Ankunft sind fast immer belastend oder sogar erneut traumatisierend und können Sicherheit, Gesundheit und die Verarbeitung früherer traumatischer Erfahrungen beeinflussen.
Die Psychosozialen Zentren betrachten psychische Belastungen nach traumatisierenden Erfahrungen deshalb nicht als individuelles oder rein klinisches Phänomen. Individuelle Erlebnisse sind eingebettet in soziale und kulturelle Bedingungen sowie transgenerationale und kollektive Prozesse. Ob sich eine Traumafolgesymptomatik ausgebildet, hängt von individuellen Faktoren, aber auch entscheidend von sozialen und politischen Bedingungen ab.
Trauma als Prozess
Für Menschen mit Flucht- und Verfolgungserfahrungen bedeutet das: Traumatisierung kann sich über verschiedene Lebensphasen und Situationen hinweg entwickeln und verstärken. Auf Zeiten der Bedrohung und Gewalt können weitere Erfahrungen von Unsicherheit, Verlust, Ausgrenzung oder fehlender Anerkennung folgen.
Die Zeit nach der Flucht ist deshalb nicht einfach die Zeit „nach dem Trauma“. Sie kann wesentlich dazu beitragen, ob sich Menschen stabilisieren und neue Sicherheit entwickeln können – oder ob Belastungen fortbestehen und sich verschärfen.
Vor, während und nach der Flucht
Menschen, die nach Deutschland fliehen, bringen sehr unterschiedliche Erfahrungen und Ressourcen mit. Manche haben Krieg, politische Verfolgung, Folter oder sexualisierte Gewalt erlebt. Andere waren über längere Zeit existenzieller Unsicherheit, Gewalt oder Vertreibung ausgesetzt. Auch die Flucht selbst kann von lebensbedrohlichen Situationen, Gewalt, Verlust und wiederholter Unsicherheit geprägt sein.
Dabei gilt: Nicht jede belastende oder traumatische Erfahrung führt zu einer psychischen Erkrankung. Menschen reagieren unterschiedlich auf extreme Belastungen. Welche Folgen entstehen, hängt unter anderem von Art und Dauer der Erfahrungen, persönlichen und sozialen Ressourcen sowie den Bedingungen danach ab.
Belastungen nach der Ankunft
Mit der Ankunft in Deutschland endet die Belastung für viele Menschen nicht. Ein unsicherer Aufenthaltsstatus, lange Asylverfahren, drohende Abschiebung, Familientrennung, prekäre Unterbringung, soziale Isolation, Diskriminierung sowie eingeschränkter Zugang zu Arbeit, Bildung und Gesundheitsversorgung können die psychische Gesundheit zusätzlich belasten.
Solche Postmigrationsstressoren können die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen erschweren und bestehende Belastungen verstärken. Besonders problematisch sind Situationen, in denen Menschen weiterhin wenig Kontrolle über ihr Leben haben oder sich nicht ausreichend sicher fühlen können.
Psychische Gesundheit hängt deshalb nicht nur davon ab, was Menschen erlebt haben, sondern auch davon, unter welchen Bedingungen sie danach leben.
Traumafolgestörungen: Wenn Belastungen weiterwirken
Traumatische Erfahrungen können langfristige psychische und körperliche Folgen haben. Dazu gehören beispielsweise anhaltende Angst und Anspannung, Schlafstörungen, Vermeidungsverhalten oder das ungewollte Wiedererleben traumatischer Situationen. Eine mögliche Folge ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS). Auch andere psychische Erkrankungen und komplexe Belastungsbilder können als Traumafolge auftreten, wie Depression, Angst, dissoziative Symptome oder Konsum. Darüber hinaus können im biografischen Verlauf jedoch auch stressassoziierte körperliche Erkrankungen die Folge sein.
Gleichzeitig greift eine rein klinische Betrachtung zu kurz. Wenn Symptome, die nach traumatisierenden Erlebnissen entstehen, ausschließlich als individuelle psychische Störung verstanden wird, können die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, unter denen Gewalt entsteht und fortbesteht, aus dem Blick geraten. Auch die Diagnose und Beschreibung von Traumafolgestörungen ist deshalb Gegenstand fachlicher und gesellschaftlicher Diskussionen.
Die Psychosozialen Zentren verstehen psychische Symptome daher nicht als einfache Folge eines einzelnen Ereignisses. Sie betrachten sie im Zusammenhang mit der individuellen Lebensgeschichte, sozialen Beziehungen und aktuellen Lebensbedingungen.
Was Menschen nach traumatischen Erfahrungen brauchen
Psychosoziale Unterstützung setzt nicht nur bei Symptomen an. Sie schafft Bedingungen, unter denen Menschen wieder Sicherheit, Handlungsspielräume und soziale Verbundenheit entwickeln können.
Dazu gehören:
- Sicherheit und Stabilität
- verlässliche Beziehungen, soziale Unterstützung und das Gefühl von Zugehörigkeit
- Selbstbestimmung und Handlungsmöglichkeiten
- Zugang zu angemessener psychosozialer und medizinischer Versorgung
- Schutz vor weiterer Gewalt und Diskriminierung
- Anerkennung des Erlebten und des erlittenen Unrechts
- soziale Teilhabe und Perspektiven für die Zukunft
Traumasensible Unterstützung bedeutet deshalb auch, die Lebensbedingungen der Menschen mitzudenken. Gute psychosoziale Versorgung kann schwierige Lebensbedingungen nicht allein kompensieren. Sie braucht gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Sicherheit, Rechte, Teilhabe und Zugang zu Versorgung ermöglichen. Unterstützungsangebote sollten darüber hinaus Möglichkeiten zu Bewältigung, Entlastung und Regulation schaffen, die den geflüchteten Menschen dabei helfen können mit Belastungen umzugehen.
Folter und andere Formen organisierter Gewalt
Folter und andere Formen gezielter politischer oder organisierter Gewalt können besonders schwerwiegende und komplexe Folgen haben. Neben den individuellen Verletzungen geht es dabei immer auch um das erlittene Unrecht und die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Gewalt stattgefunden hat.
Die Psychosozialen Zentren unterstützen Überlebende von Folter und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen und setzen sich für ihren Zugang zu angemessener psychosozialer Versorgung und gesellschaftlicher Teilhabe ein.
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Kinder und Jugendliche
Für Kinder und Jugendliche haben Sicherheit, stabile Beziehungen und soziale Teilhabe eine besondere Bedeutung. Gewalt- und Fluchterfahrungen können in eine Entwicklungsphase fallen, in der sich Vertrauen, Identität und Zukunftsperspektiven erst herausbilden.
Gleichzeitig sollten auch Kinder und Jugendliche nicht auf ihre Belastungen oder eine mögliche Diagnose reduziert werden. Ihre Ressourcen, Beziehungen und Handlungsmöglichkeiten sind zentrale Ansatzpunkte psychosozialer Unterstützung.
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Psychische Gesundheit ist auch eine Frage der Lebensbedingungen
Menschen mit Fluchterfahrungen sind nicht einfach „traumatisiert“. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse, Ressourcen und Bewältigungsstrategien mit. Studien zeigen zwar erhöhte Raten psychischer Belastungen und Traumafolgestörungen unter Geflüchteten; die Ergebnisse unterscheiden sich jedoch erheblich je nach untersuchter Gruppe, Situation und Definition.
Eine psychosoziale Perspektive bedeutet deshalb: Wir nehmen psychisches Leiden ernst, ohne Menschen darauf zu reduzieren. Wir betrachten individuelle Erfahrungen im gesellschaftlichen Kontext und setzen uns für Bedingungen ein, die Sicherheit, Stabilisierung, Selbstbestimmung und Teilhabe ermöglichen.
Aktuelle Forschung und Daten zur psychischen Gesundheit von Geflüchteten






